Frühe Freunde, lange Freunde
Dietrich Worbs erinnert sich als Trauzeuge an über 50 Jahre lebhafte Freundschaft
Darmstadt
Ich lernte Declan im Wintersemester 1959/60 an der Technischen Hochschule Darmstadt kennen. Die Aufnahmeprüfung dazu im Sommer 59 absolvierte ich gemeinsam mit Margrit; wir waren 19 und voller Hoffnung... Im großen Zeichensaal der Architekten lernten Margrit und ich uns über darstellender Geometrie von Tisch zu Tisch kennen. Diese Zeichensäle sind ja der zentrale Ort im Architekturstudium; hier spielt sich alles ab, und jeder richtet sich einen Tisch ein. Margrit, Henning Jäger und ich bildeten eine Arbeitsgruppe und bewältigten viele Projekte zusammen.
In seiner Baugeschichte-Vorlesung stellte uns Professor Rolf Romero etwa im November 1959 seinen neuen Hilfsassistenten vor, der uns mit betreuen würde - ein junger Mann, der durch seine roten Haare und ein permanentes Lächeln auf dem Gesicht auffiel. Alle waren sofort von ihm angetan, weil er ein so kauziges Deutsch sprach. Das war Declan.
Declan war gerade fünf Jahre älter als wir; er begleitete uns auf Exkursionen und ermunterte uns, bei schwierigen Aufgaben - wie etwa beim Zeichnen von Kirchengrundrissen - nicht zu verzagen. Professor Romero war ein strenger Mann und erwartete viel; Declan federte das immer wieder ab und machte uns Mut. Er war umgänglich, freundlich, geduldig - alle schätzten ihn sehr.
Declan näherte sich unserem Dreier-Kreis, gewann Margrits Herz, und dann ging alles recht schnell: Verlobung, Hochzeit, Kind... So lockerte sich der enge Kontakt zunächst durch die Herausforderungen einer jungen Familie.
Allerdings hatten wir ein gemeinsames Atelier zu fünf oder sechs Leuten, hinter der Gaststätte Laumann in Darmstadt. Die 50 Mark Miete teilten wir uns. Hier wurde gearbeitet, gezeichnet und wunderbar gefeiert; das war unser Treffpunkt, denn die Wohnung der Kennedys war weit außerhalb.
Auch an der einen oder anderen Exkursion nahmen beide noch teil - eine sehr schöne Reise nach Wien im Sommersemester 1960 zum Beispiel, mit dem Schiff von Regensburg aus. Professor Evers, als Kunsthistoriker und Germanist gemeinsam mit Helmut Rössler Leiter der Exkursion, machte uns mit Rubens vertraut. Mitten in einer Ausstellung rief Margrit schließlich aus: „Das ist ja scheußlich, entsetzlich - das ganze Fleisch!" Prof. Evers war äußerst konsterniert: „Aber Fräulein Hübner, wie können Sie so etwas sagen!", aber sie blieb unbeirrbar abgeneigt. Evers erwies sein Genie, indem er prompt ein 45minütiges Kolleg über das Fleisch bei Rubens abhielt - es war unglaublich eindrucksvoll!
An der Wiener Ringstraße lernten wir dann, wie wichtig der Klassizismus des 19. Jahrhunderts für die Entwicklung der Architektur war. Declan interessierte sich nicht sonderlich für Baugeschichte, er ging heiter damit um.
Während eines anderen Ausflugs ins Burgenland lagerten wir einmal am Vierwaldstätter See, der Wein floss munter, und eine Zigeunerkapelle spielte auf - ich vermute, sie war vom Professor bestellt. Das war das erste Mal, dass ich Declan tanzen sah. Musik war immer wichtig für ihn.
Dann erinnere ich mich an die Hochzeit von Margrit und Declan Anfang der 60er Jahre - sie wurde von einem spanischen Priester vollzogen, und ich war plötzlich Trauzeuge. Declan's Eltern reisten an; ich sehe noch seine Mutter Klavier spielen und seinen Vater mit schönstem Bariton keltisches Volksliedgut dazu singen...
Internationales Leben
Wir pflegten über Declan und Margrit einen großen gemeinsamen Freundeskreis mit Briten, Iren und Amerikanern. Mit Jim Hudson - Malerin; eine wunderbare Frau irischer Herkunft mit strahlend blauen Augen - und ihren beiden Söhnen war Declan seit seiner frühen Londoner Zeit befreundet. Als er dort als Bühnenbildner arbeitete, hatte er Sean, einen der Söhne getroffen. Sean drehte Arbeiterfilme in den britischen Colemines, und die beiden malerten gemeinsam riesige Flächen. Bei Jim, die eine mütterliche Freundin für uns war, trafen wir uns öfters und haben bei ihr sehr viel über Zeichnen gelernt. Sie hatte einen alten Austin aus den 1920er Jahren, in dem wir oft über Land fuhren und die britische Architektur kennenlernten. Ich habe in dieser Zeit viele englische Landhäuser gesehen, deren Stil meine eigene Arbeit beeinflusst haben. Ich bin Jim - und Declan als Vermittler - sehr dankbar für diese Zeit. Ostern 2006 ist Jim dann gestorben; bis zuletzt hat sie südlich von London in ihrem Cottage aus dem 15. Jahrhundert gewohnt.
Auch der Literat und Holzbildhauer Eberhart W. Teichmann kam über Declan in unseren Kreis - es war wunderbar für mich, internationale Freunde zu finden, und das begann mit Declan.
1966 besuchte ich Declan und Margrit in Regensburg. Werner Hebebrand hatte vom Kulturkreis der deutschen Industrie den Auftrag erhalten, die Altstadt architektonisch zu erforschen und Vorschläge zu ihrer Sanierung zu erarbeiten. Das war das legendäre „Altstadt-Seminar". Mit einer großen Projektgruppe wurde vermessen, kartografiert und mit viel Ideenreichtum dafür gesorgt, dass diese besondere Altstadt erhalten blieb. Declan war leitender Mitarbeiter und persönlicher Referent von Hebebrandt, der das Projekt bis zu seinem Tod im Oktober 1967 führte (ihm folgte Walter Schmidt). Diese spannende Position war der Grund, warum Margrit und Declan ihren Wohnsitz von Darmstadt nach Regensburg verlegt hatten. Sie hatten ein sehr modernes Haus und auch hier wieder schnell viele Freunde.
Zu Weihnachten 1966 war Jim Hudson gekommen; wir stibitzten gemeinsam aus dem verschneiten Wald einen Tannenbaum - das war natürlich wichtiger als das Seminar...
Etwa drei Jahre später verließen Kennedys Regensburg wieder. Das nächste, was ich hörte, war: Wir sind in Schottland! Declan lehrte dort an der St. Andrews University.
Danach kam Pittsburgh/USA: 1972 besuchte ich Margrit und Declan dort mit meiner damaligen Freundin (und jetzigen Frau) Carmen für zwei oder drei Wochen. Ich hörte an der Uni Declans Vorlesungen über Community Planning - das war völlig neu! Ich habe es regelrecht aufgesaugt. Wir machten Ausflüge nach Chicago zu F.L. Wrights Wasser-Haus und E.W. Teichmann; wir besichtigten viel - es war ein richtiges Architekturfest für mich!
Gemeinsame Projekte haben wir nie gemacht - Kennedys waren einfach zu viel unterwegs, waren ja auch in den Fabrikbau der Firma Hübner in Brasilien eingespannt.
Berlin
1973 kam dann Declans Bewerbung für die Professur an der TU Berlin; vielleicht habe ich mit meinem Schwärmen für West-Berlin bei unserem Pittsburgh-Besuch dazu beigetragen. Carmen und ich lebten seit 1971 dort, und wir waren begeistert.
Das Flair des großen Helden aus Übersee mit dem glorreichen Namen Kennedy eilte Declan voraus. Bei seinem ersten Auftritt entfaltete er größtmöglichen Charme: „Liebe Kollegen, wir sind ja, wenn man es genau besieht, alle Planer" - und das strahlendste Lächeln bezauberte die Runde...
Declan wurde also Professor und bald darauf Vize-Präsident der Hochschule. Er hat viel Gutes bewirkt, unter anderem auch den Abriss mehrerer bedeutender Gebäude verhindert:
So sollte das Studentenwohnheim abgerissen werden, weil der TU das Geld fehlte, die marode Heizung zu sanieren. Declan: „Seid ihr wahnsinnig? Die ausländischen Studierenden finden doch sonst nichts!", denn Berlin war tatsächlich damals streng fremdenfeindlich und es war schwer für Ausländer, Wohnraum zu finden. Jedenfalls hat Declan durchgesetzt, dass das Wohnheim blieb und eine neue Heizung bekam. Er hatte sich auch in Darmstadt schon um die Studenten aus anderen Ländern gekümmert, schließlich war er selbst einer gewesen. Hier in Berlin war er nun als Vize-Präsident auch offiziell dafür zuständig.
Sein Engagement für die nicht-deutschen Hochschulmitglieder erregte Befremden zwischen den verhärteten akademischen Fronten, die die Zeit nach den Studentenunruhen 1968 kennzeichneten. Ebenso befremdlich schienen einige von Declans Visionen - beispielsweise ein Tunnel, der die Uni-Gelände auf beiden Seiten der Straße des 17. Juli verbinden sollte - sowie sein legerer Umgang mit Studierenden und Assistenten.
Ich war drei Semester lang Lehrbeauftragter an Declans Institut. Es fehlte dort jemand für Baurecht; Declan rief mich an, und so habe ich mit meiner Frau 1974/75 „Grundlagen der Stadtplanung" unterrichtet.
Ich erinnere mich dann noch an eine Stadtplanungs-Exkursion nach London, das muss 1975 oder 76 gewesen sein; Thomas Mead war dabei, und wir hatten zwei Wochen lang Zeit, uns in epischer Breite mit dem viktorianischen Baustil zu befassen. Auch dort stieß wieder Jim zu uns, die uns natürlich ebenfalls in Berlin besuchte.
Wir wohnten die ersten Jahre Wand an Wand; ich hatte Margrit und Declan ihre erste Wohnung besorgt, als sie nach Berlin kamen. Irgendwann zogen sie dann raus nach Schlachtensee, wo es etwas mehr Grün gab.
Dann kam der große Knall, und Declan gab seine Professur auf. Das schwelende Unbehangen zwischen den meisten deutschen Profs und ihm hatte sich stetig vertieft; sie konnten so einen angelsächsischen, fröhlichen Kollegen einfach nicht akzeptieren. Mobbing würde ichdas nicht nennen, was da lief; es war einfach nur Unverständnis. Außerdem musste er als neuer Professor bald auch Dekan sein, wobei sich erwies, dass ihm deutsche Bürokratie und der ganze Papierkram zuwider war. Damit bot er natürlich auch Angriffsfläche... Aber die Studierenden - besonders die ausländischen, und unter ihnen ganz speziell die chinesischen -liebten ihn: Ein warmherziger, freundlicher Mensch, der mit ihnen englisch sprach, der tröstete: „Ist doch alles nicht so schlimm, das lernst du schon..." Nun, als die Spannungen stiegen, gab Declan einfach seine Professur auf. Das hatte die TU auch noch nicht erlebt, dass einer mit 45 so etwas Sicheres aufgibt!
Er hat schon gelitten, auch geklagt - aber immer nur allgemein, hat nie Einzelne angeschwärzt. Das ist nicht seine Art. Er litt einfach unter der zunehmenden Entfremdung von den Kollegen.
Gast-Berliner aus Steyerberg
Den Ausstieg aus der Professur erinnere ich durchaus als eine Art Lebenswende für Declan. Margrit und er gingen dann bald nach Steyerberg.
Wir blieben in Verbindung; noch kamen Kennedys häufig nach Berlin, es waren noch Diplom-Prüfungen abzunehmen. Als ich in der Akademie der Künste meine Loos-Ausstellung eröffnete - am 5.12.1983 - waren beide zur Stelle und begeistert...
Dann wurden die Lücken in unserem Kontakt größer.
Eine überraschende Begegnung gab es noch:
Einmal saß ich beim Tee mit meinem „Doktor-Onkel" Julius Posener in dessen Küche. Da geht die Tür auf - es war so ein Köchinnen-Eingang direkt von draußen in die Küche -, und Declan kommt herein. Einen Moment lang starren wir alle drei uns an; schließlich sagt Posner: „Nanu, ihr kennt euch? Warum sagt mir das denn keiner?" - Declan war offenbar auch öfter zum Tee bei ihm, aber wir wussten es nicht voneinander...
Das muss Anfang der 90er Jahre gewesen sein.
1998 lud Declan seine sämtlichen Berliner Freunde zu seinem fiktiven 25. Dienstjubiläum als TU-Professor ins Restaurant „Hamlet" ein - und alle kamen. Über 30 Leute feierten mit ihm.
Da ich mit Permakultur weniger zu tun habe, bin ich nie in Steyerberg gewesen. Aber Declan kam am 29.6.2004 zu meiner Verabschiedung aus dem Landesdenkmalamt. Margit konnte nicht, hatte ihn aber angerufen und instruiert, unbedingt zu kommen. So war immerhin einer von unserer alten Darmstädter Clique da!
Dann war da noch Declans Kandidatur für die Europawahlen 2006; er hat hier in Berlin natürlich auch Unterschriften dafür gesammelt.
2006 starb auch Jim Hudson; sie war 99 Jahre alt. Ich war immer noch in engem Kontakt mit ihr und rief Declan an, als sie im Sterben lag. Er hat sie noch im Krankenhaus besucht; sie haben Witze gerissen und viel gelacht...
Immer wieder gab es auch Reisen oder Treffen mit einen von beiden Kennedys. Meine Trauzeugenschaft war nie Thema, ist nie ausdrücklich in Anspruch genommen worden. Es ist einfach eine dauerhafte Freundschaft.
Hinreißend extrovertiert, impressionistisch, fließend
Was ich besonders schätze an Declan?
Er ist so ganz anders als ich. Heiter, ausgelassen. Bewegt sich leichter durch die Welt...Ich habe es immer bewundert, wie jemand so hinreißend charmant extrovertiert sein kann. Viele Frauen haben für ihn geschwärmt...
Und dann die ganz andere Kultur. Ich habe immer besonders schnell Vertrauen gefasst zu Menschen aus der angelsächsischen Welt: Die englische Kultur bedeutet mir viel - die Architektur, die Literatur, die Musik. Sie hat Weltgeltung und ist mir wichtig als verwandtes Fremdes.
Und Declan singt; das kann ich nur neidlos bestaunen.
O'Keneide, sein Stammesname, heißt ja „Der Mann mit dem gespaltenen Kopf"; das trifft auf ihn nicht zu; er ist so geschlossen. Er tritt eigentlich eher zurück - außer beim Singen und besonders beim Tanzen; da führt er den Reigen an!
Er ist impressionistisch, fließend, ohne strenge Form und immer für Kontraste zu haben.
Seine ungewöhnlich geringe Scheu vor Körperlichkeit war mir eine gute Schule.
Und Declan war immer von schönen Frauen umgeben - wie auch jetzt wieder bei Gaia University...
Dietrich Worbs mit Carmen Jung
dietrich.carmen@freenet.de