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Der etwas andere Professor

Udo Ernst Simonis spult zurück in die glanzvolle IWOS-Zeit und erzählt, wie Declan ihm klar machte, warum Architekten und Städteplaner auch was von Ökonomie verstehen müssen

Es war vor 35 Jahren - und es waren noch ganz andere Zeiten. Der damalige Fachbereich Bauplanung und -fertigung, später Fakultät für Architektur, der Technischen Universität Berlin war ein Wagnis eingegangen: Sie hatte einen ausländischen Städteplaner, Declan Kennedy, auf eine Professur berufen. Nun sollte es auch noch ein Ökonom sein, da kam ich ins Spiel. Dass angehende Bauingenieure und Architekten etwas von Stadtplanung wissen sollten, das war naheliegend. Doch warum auch noch Ökonomie? Ich selbst wusste es nicht so genau - und mir stand eine harte Einarbeitungszeit bevor. Declan aber wusste Bescheid - und das in mancherlei Hinsicht.
Er hatte schon vieles gelernt über das verfilzte Berlin, die Kollegen und deren Intrigen, vor allem aber über die Studenten und deren Interessen. „Unsere Studenten und Mitarbeiter sind sozial sehr engagiert. Sie wollen preiswerten Wohnungsbau entwerfen, den Leerstand an Wohnungen bekämpfen und Häuser besetzen - und dazu wollen sie wissen, wie der Kapitalismus funktioniert, wie die Bauwirtschaft strukturiert ist, wie die Grundrente die Miete bestimmt und welche Alternativen es gibt. Deshalb bist Du hier, lieber Udo; deshalb haben die Studenten und der Mittelbau Deine Kandidatur unterstützt."
Ich hatte meine Berufung eher auf meine Veröffentlichungen, meine Erfahrungen in Japan und meine Redegewandtheit zurückgeführt. Hier also lernte ich zum ersten Mal von Declans sozialer Kompetenz.
Das vertiefte sich nach der gemeinsamen Begründung des legendären IWOS, des Instituts für Wohnungsbau und Stadtteilplanung, in dessen Leitung wir uns abwechselten. Dort war der innovative Teil des Fachbereichs versammelt, hier kam es zu neuen Lehr- und Lernformen, hier wurde auch geschrieben und promoviert, was damals bei Architekten und Städteplanern noch nicht üblich war. Eine eigene Buchreihe wurde ins Leben gerufen, in der die besten Diplom-Arbeiten und erste Dissertationen erschienen; in IWOS-Diskussionspapieren wurden strittige Themen präsentiert, ins IWOS-Seminar wurden kompetente Gäste eingeladen, die zu den Themen der Zeit etwas zu sagen hatten.
Declan war bei den Studenten und Mitarbeitern sehr beliebt. Und wir beide verstanden uns gut. Wir unterstützten uns gegenseitig - und vielfach mussten wir die Verteidigung des jeweils anderen übernehmen. Denn in der Fakultät war nicht alles so harmonisch, wie sich Außenstehende das gern vorstellen. Da geht es um Personal und Finanzen, um Programme und Projekte, wo höchst unterschiedliche Interessen aufeinander stoßen können.
In unserem Verhältnis gab es aber auch Widersprüche. Declan war für Einheitsbenotung, für Bestnoten - und begründete dies mit den späteren Arbeitsmarktbedingungen. Ich war für differenzierte Benotung - mit dem Hinweis, dass man sich über das eigene Wissen und Können nichts vormachen darf. Nach den PISA-Studien der jüngsten Zeit kämen wir beide wohl in dieser Frage zu einer etwas anderen Antwort: Schüler und Studenten laufen dann Gefahr schlecht zu werden, wenn ihre Lehrer nicht gut genug sind; frühzeitig Talente zu fördern ist wichtiger als vorzeitig Noten zu verteilen.
Nach meiner befristeten Beurlaubung von der Fakultät und dem späteren endgültigen Abschied von der TU Berlin haben sich unsere Wege getrennt - auch wenn wir uns nie ganz aus den Augen verloren. Ich wusste zumeist Bescheid über das, was Declan machte, auch wenn ich es oft nur von Dritten erfuhr. Gelegentlich wurde die Chance zu einem Treffen aber auch schlicht verpasst: Declan hatte mich zum neuen Mitglied der World Society for Ekistics (WSE) gewonnen, einem erlauchten Club besorgter Urbanisten, die sich jedes Jahr an einem anderen Ort der Welt zusammenfanden. Zwei Jahre war ich Vize-Präsident, zwei Jahre Präsident der WSE - und somit für Ort und Thema der Jahrestreffen federführend. Doch in diesen Jahren hat mich Declan versetzt.
Nun, da wir beide Pensionäre und über siebzig sind, steht Kompensation an. Und dafür sollten die Chancen gut sein, zumal wir beide ganz offensichtlich dem gleichen Motto huldigen:
„Remain usefully involved - resist retirement!"

Prof. em. Dr. Dr. h.c. Udo E. Simonis
Wissenschaftszentrum Berlin

simonis@wzb.eu
www.wzb.eu/ag/eme

 

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Prof. Declan Kennedy Ginsterweg 5 D-31595 Steyerberg +49 (0) 57 64 / 21 58 kennedy@declan.de